“Lehrer auf vier Pfoten“

 

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Inhalt

 

Schulalltag der Klasse 3/4                                         

Was ist ein Schulhund                                                

Der Weg zum Projekt                                                   

Wissenschaftlicher Hintergrund des Projekts

Literatur

Fragen und Anregungen

 

Schulalltag der Klasse 3/4

 

Paule im Klassenzimmer

Labradorhündin Paula „arbeitet“ als „Lehrerin“ in der Kerpenschule Uchtelfangen. Paula ist mittlerweile ausgewachsen und strebt langsam die Verbeamtung auf Lebenszeit an. Ihre Aufgaben in der Kerpenschule nimmt sie bereits seit der 9. Lebenswoche war.

Sie erfüllt eine wichtige Rolle im Klassenzimmer: Den Schülern ist Paula Seelentröster und Aggressionshemmer, Mutmacher und Stimmungsaufheller, Lernbeschleuniger und Stressfresser in einem. Jeden Morgen wird Paula fröhlich von der Klasse als „Frau Paula“ begrüßt und steht fast den ganzen Tag unbewusst im Mittelpunkt des Lernens und Lehrens. Jeweils drei Kinder haben eine  Woche lang „Hundedienst“. Dies bedeutet, dass sie für die Spaziergänge – in der Frühstückspause und meist während der zweiten großen Pause – verantwortlich sind und auch mit Paula spielen dürfen. Somit übernimmt jeder Schüler der Klasse eine Teilverantwortung im täglichen Umgang mit unserem Hilfslehrer. Zunächst wurden die Spaziergänge gemeinsam erledigt und alle Kinder lernten nach und nach wie ein Hund zu führen ist und mit welchen Reaktionen sie rechnen müssen. Bereits im Vorfeld des Projektes wurde „der Hund“ im Sachunterricht behandelt und jeder in der Klasse machte einen „Hundeführerschein“. Mittlerweile besteht die Klasse aus vielen kleinen „Hundeexperten“ die gemeinsam mit mir für die Erziehung von Paula verantwortlich sind. Im Alltag zeigt sich Paula sehr geduldig und kann genau abschätzen, wann sie mit uns spielen darf bzw. wann sie sich zurücknehmen muss. Oft kommt es vor, dass Paula während dem Rechnen, Schreiben oder Lesen unter den Tischen schnüffelt oder es sich auf einem Ranzen bequem macht. Schon nach einer Woche gehörte dies jedoch zum normalen Geschehen und wurde von allen toleriert. Schließlich gehört genau dies zu Paulas Hauptaufgaben in der Schule. Mal Spazieren gehen, mit Paula kurz spielen oder kuscheln weckt ungeglaubte Motivation bei vielen Kindern. Bei unseren Klassenritualen z.B. Abschlusskreis ist Paula vom ersten Tag an nicht wegzudenken. Gerne kuschelt sie hier mit ein oder zwei Kindern am Boden und strahlt dabei eine immense Ruhe und Gelassenheit aus die sich auf die Kinder überträgt.

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Was ist ein Schulhund

  

Grundsätzlich geht ein Schulhund regelmäßig mit in die Schule. Die Tiergestützte Pädagogik mit dem Hund setzt einen pädagogischen Abschluss des Hundeführers voraus. Der Lehrer arbeitet nach einem pädagogischen Konzept, das die individuellen Voraussetzungen der Schüler und des Hundes berücksichtigt. Schülerin mit PaulaZiel ist eine individuelle Förderung der Schüler und ein effektiveres Arbeiten in der Klassengemeinschaft. Untersuchungen von Brita Ortbauer haben ergeben, dass schon die regelmäßige Anwesenheit eines Hundes im Klassenverband (freie Interaktion) erstaunliche Veränderungen bewirkt: - Schüler gehen lieber zur Schule - Außenseiter werden aus ihrer Isolation geholt - Auffälligkeiten reduzieren sich - Positive Sozialkontakte werden gefördert –dem Lehrer wird mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Durch gelenkte Interaktionen im Klassenverband, in der Kleingruppe oder der Einzelarbeit können Probleme in den Bereichen Wahrnehmung, Emotionalität, Sozialverhalten, Lern- und Arbeitsverhalten, Motorik etc. mit erstaunlichen Ergebnissen aufgearbeitet werden, da der Hund als "Katalysator" wirkt.

Als Schulhunde eignen sich nur besonders ruhige und sehr gut erzogene Hunde, die einen hohen Stresspegel ertragen, ohne Zeichen von Aggression zu zeigen (siehe unten). Die Rasse spielt keine Rolle, es kommt ausschließlich auf das Wesen des individuellen Tieres an. Eine sorgfältige Gesundheitskontrolle im Hinblick auf Impfungen, Entwurmung und Flohvorsorge ist Voraussetzung. Ebenso sollte jeder Schulhundbesitzer eine „Hundehaftpflicht“ abschließen! Versicherungstechnisch ist die Frage, ob der Einsatz des Hundes genehmigt wurde (vom Schulleiter). Ist er als Schulmaßnahme genehmigt, müsste die Versicherung über den Schulträger laufen. Aus diesem wichtigen Grund niemals ohne Genehmigung Tiere mit in den Unterricht nehmen! Sonst haftet wahrscheinlich der betreffende Lehrer, bzw. die Aufsichtspflichtigen. Im Übrigen haftet grundsätzlich der TIERHALTER aus Gefährdung. Das steht im § 823 BGB. Deswegen ist eine private Hundehaftpflicht unabdingbar.

 

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Der Weg zum Projekt

 

„Ein Hund? Kommt der jeden Tag mit? Wozu soll das gut sein? Darf man das überhaupt? Was sagen da bloß die Eltern?....“ So bzw. so  ähnlich vermutete ich die ersten Reaktionen auf meinen Vorschlag einen Hund zum Unterricht mitzubringen. „Find’ ich interessant! Klasse Idee!“, äußerten jedoch die meisten meiner Lehrerkollegen.

 

Sinnvoll bei einem solchen Projekt ist es die Idee nicht sofort umsetzen zu wollen, sondern sich vorab Gedanken über das Für und Wider eines Hundeeinsatzes zu machen. Literatur zu Ratezuziehen, Erfahrungen einzuholen um sich selbst über die Verantwortung für den Hund, die Folgen für die Schulgemeinschaft und den -Einzelschüler klar zu werden.

 

Die Umsetzung des Projektes an der Kerpenschule wurde wie folgt gegliedert:

 

 - Anfrage beim Direktor nach grundsätzlicher Einstellung zu einem solchen Projekt (Rektor muss zustimmen und den Hund als „Unterrichtsmaßnahme“ anerkennen um versicherungstechnisch abgesichert zu sein)
- Erstellung eines Infoblattes sowie Einzelgespräche mit allen Kollegen (Zustimmung ist rechtlich nicht unbedingt erforderlich/ fürs Schulklima jedoch unabdingbar)
- Infoblatt für die Eltern der eigenen Klasse
- Elternabend für Eltern der eigenen Klasse (schriftliche Zustimmung aller Eltern der Klasse ist notwendig / Eltern und Schüler der anderen Klassen sollten informiert werden – eine Befragung ist allerdings nicht notwendig)
- Schriftliche Zustimmung der Eltern zum Verlassen des Schulgeländes in Kleingruppen (mindestens 3 Schüler)
- Information der Schüler der eigenen Klasse
- Durchführung eines längeren Projektes in der Klasse zum Thema „Hund“ und „Hundeerziehung“
- Zusätzlich empfiehlt es sich den Schulrat bzw. die Schulrätin in Kenntnis zu setzen
 

 

Im Schulordnungsgesetz des Saarlandes ist §17 “Pädagogische Eigenverantwortung“ zu beachten: „Unbeschadet der Rechte der Schulaufsichtsbehörde und der Schulträger ordnen die Schulen ihre pädagogischen Angelegenheiten im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften selbst.“ (Somit reicht die Zustimmung des Schulleiters aus) Im Schulmitbestimmungsrecht §5 “Aufgabe des Lehrers“ ist die „pädagogische Freiheit“ wie folgt umschrieben: „Der Lehrer unterrichtet und erzieht die ihm anvertrauten Schüler und beurteilt ihre Leistungen in eigener Verantwortung im Rahmen der für ihn geltenden Vorschriften und Konferenzbeschlüsse. Beschlüsse der in diesem Gesetz vorgesehenen Gremien dürfen die pädagogische Freiheit des Lehrers nur in soweit einschränken, als es zur Sicherung der Qualität des Unterrichts, zur Vereinheitlichung von Prüfungs- und Bewertungsmaßstäben und zur Wahrung der Rechte des Schülers erforderlich ist.“ (Der Einsatz darf nur dann abgelehnt werden, wenn er eine sachgemäßen Unterricht nicht ermöglichen würde.)

 

Wenn all dies erfolgt ist und somit alle Zustimmungen vorliegen, kann ein Hund als „Schulhund“ eingesetzt werden. Allerdings sollten bestimmte Konventionen eingehalten werden. Ein Hund sollte nie unbeaufsichtigt durchs Schulgebäude laufen, nie ohne Leine im Schulgebäude unterwegs sein (in der Klasse natürlich ohne Leine) und hat auch während den Pausen auf dem Schulhof nichts zu suchen. Mit den Eltern meiner Klasse ist zusätzlich vereinbart, dass das Projekt sofort beendet wird, falls Kinder unüberwindbare Ängste oder z.B. Allergien aufweisen.

 

Nicht jeder Hund eignet sich zum Schulhund. Wichtig ist, dass die Rasse verträglich ist und mit Kindern umgehen kann. Idealerweise sollte der Welpe/Hund schon seit Geburt mit Kindern in Kontakt sein. Der Hund sollte folgende Wesenseigenarten mit sich bringen:

· Grundgehorsam
· Grundsätzliche Freundlichkeit
-- Fremde Erwachsene jeden Aussehens
-- Fremde Kinder jeden Alters, jeden Aussehens
· Berührungsfreundlichkeit
(lässt sich gerne am ganzen Körper anfassen)
· Ausgeglichenheit
(nicht leicht zu erschrecken und erholt sich schnell von einem Schreck)
· "Entschärfendes" Verhalten
(zieht sich eher zurück, wenn etwas unangenehm ist)
· Unaufdringliches Begrüßungsverhalten
(z.B. nicht Anspringen, wenn nicht erwünscht)
· Sanftes Annehmen von Futter aus der Hand
· Stillhalten können, wenn gewünscht
· Manipulationsneutral
(lässt sich vom Hundehalter "alles" gefallen, z.B. Maulöffnen, Pfotenkontrolle)
· Alleinsein können
· Gerne Auto fahren
· Umgang mit Behinderungen
(Rollstuhl, Krücken)
· Umgang mit weglaufenden oder stolpernden Kindern

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Wissenschaftlicher Hintergrund des Projekts

 

 

Im Saarland ist dieses Projekt wohl bisher einmalig, in Baden-Württemberg und in der Schweiz werden jedoch bereits seit Jahren Hunde im Unterricht eingesetzt. Hierzu gibt es eine ausführliche Studie des Züricher Instituts für interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung (IEMT) von 1998. Darin berichtet 30 Schweizer Kindergärtnerinnen und Primarlehrer, die ihr Tier zur Arbeit mitbrachten, von sehr positiven Erfahrungen (http://www.iemt.at/). Des weiteren sind bereits einige interessante Publikationen in Printmedien, im Internet und in Buchform zu entdecken. Eine kurze Auswahl stelle ich am Ende des Artikels bereit. Ganz kurz zusammengefasst möchte ich folgende Ergebnisse vorstellen:

 

- “Ein Schulhund schafft ein besseres Schulklima“


Paula bringt die Schüler zum Lachen verbessert die Stimmung. Studien zeigen, dass bei z.B. gedrückter Atmosphäre ein Tier negative Gedanken unterbrechen kann, indem es die Aufmerksamkeit auf sich zieht. (Vgl. Katscher / Friedmann) Dies gilt übrigens nicht nur für die Schüler, sondern auch fürs Lehrerkollegium.

- “Hunde lehren neue Wege des Umgangs mit Aggressionen“


Hunde reagieren auf rücksichtsloses Verhalten mit vorsichtigem Rückzug. Damit zeigen sie Kindern auf neutrale, nicht vorwurfsvolle oder wertende Weise (was uns Lehrern ab und an nicht gelingt), dass ihnen unkontrollierte Aggression selbst schaden. Dennoch sind die Kinder nicht verletzt. Die grundsätzlich fast bedingungslose Akzeptanz des Tieres macht die Kritik leichter annehmbar. (Vgl.Vanek-Gullner)

- “Mehr Frustrationstoleranz und Kritikfähigkeit“


Ein Hund macht spürbar: „Ich nehme dich so an wie du bist“. Unabhängig davon, wer und was wir sind, vermittelt das Tier emotionale Wärme und bedingungslose Akzeptanz. Gerade unsere Schüler leiden oft an geringem Selbstbewusstsein und reagieren deshalb aggressiv. Dadurch trifft man im Schulalltag immer wieder auf zwei Kernprobleme: Zum Einen wird konstruktive Kritik oft als Angriff auf die eigene Person empfunden – das Kind fühlt sich verletzt und zieht sich zurück. Durch eine „Auszeit“ zum Streicheln oder Spazieren gehen kommen Kinder wieder zur Ruhe und lassen auch dem Lehrer wieder eine Chance. Zum Anderen fällt es unseren Schülern oft schwer im Spiel zu verlieren. Ausscheiden verletzt – im Spiel und im Leben. Im spielerischen Tun mit dem Hund werden Rückschläge geübt. Versagen wird durch die Akzeptanz des Tieres annehmbar. ( Vgl. Vanek-Gullner)

- “Hunde ermutigen”


Die bereits erwähnte bedingungslose Annahme eines Hundes macht stark. Dieser „Ermutigungs-Effekt“ wird dadurch verstärkt, dass eine funktionierende Kommunikation mit einem Hund überzeugendes Auftreten unabdingbar voraussetzt. Jeder Befehl führt nur dann zum Erfolg, wenn er mit innerer Entschlossenheit gesprochen wird (Vgl. Vanek-Gullner). Empirische Studien bestätigen: Hundebesitzende Kinder sind selbstbewusster als gleichaltrige Nichttierbesitzer. Selbst Kinder, die lediglich in einer Schulklasse für ein Tier Sorge tragen, zeigen signifikant mehr Selbstachtung (Vgl. Bergesen).

- “Ein Schulhund für die Gemeinschaft“


Wissenschaftlich bewiesen ist, dass Kinder durch „soziale Katalysatoren“ (Hund) leichter mit anderen Kindern Kontakte knüpfen (Vgl. Guttmann). 2001 beobachtete Ortbauer das Sozialverhalten sechsjähriger Kinder ohne Haustier, die in ihrer Klasse regelmäßig Kontakt zu Hunden hatten. Soziale Beziehung und gemeinsame Aktivitäten der Schüler nahmen in der Häufigkeit zu. Besonders in sich gekehrte Kinder brachten sich aktiver in das soziale Geschehen ein (Vgl. Ortbauer).

- “Hunde fördern unsere Sensibilität“


Kindliche Heimtierhalter erzielen bessere Leistungen in der nonverbalen Kommunikation als Gleichaltrige, die kein Haustier besitzen (Vgl. Guttmann in Vanek-Gullner). Besonders eine Partnerschaft mit einem Hund sensibilisiert für den Nächsten. Da der Vierbeiner lediglich nonverbale Sprachanteile umsetzen kann, muss man sich auf das tierische Gegenüber einstellen. Gerade verhaltensauffällige Kinder treten oft rücksichtslos oder/und unbeherrscht auf. Dadurch erleben viele zu selten, dass liebevolles Verhalten positive Reaktionen hervorruft. Durch die Interaktion mit dem Hund werden die eigenen Möglichkeiten zur Empathie oft geweckt (Vgl. Katscher/ Beck).

 

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Literatur

 

 

Beck, A.; Katscher, A.: Wie Heimtiere die Gesundheit und die Lebensqualität des Menschen verbessern. In: AFIRAC: The changing roles of animals in society. Prag 1998

 

Bergesen, F.J.: The effects of the pet facilitated therapy on the self-esteem and sozialization of primary school children. AFIRAC. Monaco 1989

 

Guttmann, G. Einfluss der Heimtierhaltung auf die nonverbale Kommunikation und die soziale Kompetenz bei Kindern. In: Die Mensch-Tier-Beziehung. Wien 1983

 

Ortbauer, B.: Auswirkungen von Hunden auf die soziale Integration von Kindern in Schulklassen. Unveröffentlichte Diplomarbeit. Wien 2001 

 

Vanek-Gullner, A. : Lehrer auf vier Pfoten. Theorie und Praxis der hundgestützten Pädagogik. Wien 2007

 

http://www.focus.de/schule/lehrer/schulpraxis/schulhund_nid_40162.html

 

www.iemt.at

 

http://www.presseportal.de/story.htx?nr=770764&firmaid=6558

 

http://www.vet-magazin.com/wissenschaft/mensch-tier/Beitraege/Hunde-Schule.html

 

http://www.zeit.de/archiv/2002/24/200224_p-schulhund.xml

 

 

 

 


Bei Fragen oder Anregungen wenden Sie sich bitte an:

Herr VolzMeinhard Volz (Klassenlehrer Klasse 3/4 )
Kerpenschule Illingen/Uchtelfangen
06825/3344
volz@kerpenschule.de

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